
Ladevorgang...
Sportvorhersagen
Ladevorgang...
Mein Vater hat mir als Kind eine Geschichte erzählt, die ich nie vergessen habe. 21. Juni 1978, Estadio Chateau Carreras in Córdoba, Argentinien. Österreich führt 2:0 gegen Deutschland, und Hans Krankl schießt das 3:2. Die halbe Nation tanzt. Es war kein WM-Titel, nicht einmal ein Viertelfinalsieg — aber es war der Moment, in dem der österreichische Fußball bewies, dass er auf der großen Bühne bestehen kann. Seitdem haben wir 28 Jahre auf den nächsten WM-Auftritt gewartet. 2026 ist es so weit, und diese Geschichte — Österreichs komplette WM-Geschichte — erklärt, warum der 17. Juni in Santa Clara mehr als ein Fußballspiel sein wird. Es ist die Rückkehr einer Fußballnation auf die größte Bühne des Sports.
1954 — Das Wunder von Bern aus österreichischer Sicht
Jeder kennt das deutsche Wunder von Bern. Weniger bekannt ist, dass Österreich bei derselben WM 1954 in der Schweiz seinen größten Erfolg feierte. Der dritte Platz — bis heute das beste WM-Ergebnis in der Geschichte des österreichischen Fußballs. Die Mannschaft unter Trainer Walter Nausch spielte einen offensiven, technisch anspruchsvollen Fußball, der in Europa Aufsehen erregte. Im Viertelfinale schlug Österreich die Schweiz in einem der verrücktesten Spiele der WM-Geschichte: 7:5, zwölf Tore in 90 Minuten, ein Ergebnis, das bis heute den Rekord für die meisten Tore in einem WM-Spiel hält.
Im Halbfinale traf Österreich auf Deutschland — und verlor 1:6. Eine schmerzhafte Niederlage, die den Glanz des Turniers trübte. Aber das Spiel um Platz drei gegen Uruguay, den Titelverteidiger von 1950, gewann Österreich verdient mit 3:1. Ernst Ocwirk, der Kapitän und wohl beste österreichische Fußballer seiner Ära, führte die Mannschaft mit einer Eleganz, die in Fachkreisen noch Jahre später als Maßstab galt. Der dritte Platz 1954 war kein Zufallsergebnis — er spiegelte die Stärke des österreichischen Fußballs in einer Epoche wider, in der Wien als eines der Zentren des europäischen Fußballs galt.
Was viele nicht wissen: Österreich war in den 1930er Jahren eine der besten Mannschaften der Welt. Das „Wunderteam“ unter Hugo Meisl spielte zwischen 1931 und 1932 eine Serie von 14 ungeschlagenen Spielen und besiegte Schottland, Deutschland, die Schweiz und Ungarn. Bei der WM 1934 in Italien erreichte Österreich das Halbfinale und verlor dort knapp gegen den späteren Gastgeber und Weltmeister. Die Tradition des österreichischen Fußballs reicht tief — und sie ist eine Tradition des technischen, kreativen Spiels, die Ralf Rangnick 2026 in einer modernen Variante fortsetzt.
1978 und Córdoba — Der größte Sieg, der kein Turniererfolg war
Córdoba ist ein Wort, das in Österreich keine Erklärung braucht. Am 21. Juni 1978 besiegte Österreich Deutschland 3:2 im letzten Gruppenspiel der WM in Argentinien. Hans Krankl erzielte das Siegtor in der 87. Minute, und der ORF-Kommentar „I wer‘ narrisch!“ von Edi Finger wurde zur unsterblichen Sportlegende. Das Spiel war sportlich irrelevant — beide Teams schieden aus dem Turnier aus, weil die Gruppenkonstellation es so ergab. Aber emotional war es der größte Sieg des österreichischen Fußballs im 20. Jahrhundert.
Warum Córdoba bis heute so wichtig ist, lässt sich nur aus dem kulturellen Kontext verstehen. Österreichs Verhältnis zum deutschen Fußball war und ist geprägt von dem Bewusstsein, der kleinere Nachbar zu sein. Die Bundesliga wird von deutschen Klubs dominiert, die Nationalmannschaft hatte in den Jahrzehnten zuvor regelmäßig gegen Deutschland verloren. Córdoba war der Moment, in dem dieses Verhältnis kurzzeitig umgedreht wurde — und die emotionale Wirkung hält bis heute an. In jedem Spiel Österreich gegen Deutschland schwingt Córdoba mit, als ewige Erinnerung daran, dass der Kleinere den Größeren schlagen kann.
Bei der WM 1982 in Spanien war Österreich erneut dabei und wurde Teil eines der kontroversesten Momente der WM-Geschichte: der „Nichtangriffspakt von Gijón“ zwischen Deutschland und Österreich. Beide Teams erzielten ein 1:0 für Deutschland, das beiden den Aufstieg sicherte — auf Kosten von Algerien, das trotz eines Sieges gegen Deutschland im ersten Gruppenspiel ausschied. Das Ergebnis führte zur Regeländerung, dass die letzten Gruppenspiele zeitgleich angepfiffen werden — eine Regel, die bis heute gilt und auch bei der WM 2026 angewendet wird. Österreichs WM-Geschichte hat also nicht nur sportliche, sondern auch regelhistorische Spuren hinterlassen.
1998 bis 2022 — 28 Jahre ohne WM: Warum so lange?
Die WM 1998 in Frankreich war Österreichs letzter Auftritt auf der großen Bühne — und es war ein kurzer. Drei Gruppenspiele, zwei Niederlagen gegen Italien und Chile, ein Sieg gegen Kamerun. Gruppenphase, Heimreise. Danach begann die längste WM-Dürre in der Geschichte des ÖFB. 2002, 2006, 2010, 2014, 2018, 2022 — sechs Weltmeisterschaften in Folge ohne Österreich. 28 Jahre, eine ganze Generation von Fußballfans, die nie die eigene Mannschaft bei einer WM gesehen hat.
Die Gründe für die lange Abwesenheit sind vielschichtig. Die österreichische Bundesliga verlor in den 2000er Jahren den Anschluss an die europäische Spitze. Die Nachwuchsförderung stagnierte, während Länder wie Belgien, Kroatien und die Schweiz ihre Ausbildungssysteme modernisierten und plötzlich Generationen von Weltklassespielern produzierten. Der ÖFB wechselte Trainer in kurzen Intervallen — Marcel Koller, Franco Foda, Teamchefs kamen und gingen, ohne ein nachhaltiges System zu etablieren. Die Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich unter Marcel Koller war ein Lichtblick, aber das Turnier selbst endete enttäuschend mit drei Gruppenspielen ohne Sieg.
Die Qualifikation für die WM 2018 scheiterte an Serbien und Irland, 2022 an Wales in den Playoffs — ein Elfmeterschießen, das die österreichischen Fans in die Verzweiflung trieb. Jedes Mal nahe dran, jedes Mal nicht genug. Der österreichische Fußball entwickelte eine seltsame Identität: stark genug für die EM-Qualifikation, zu schwach für die WM-Endrunde. Es brauchte einen fundamentalen Systemwechsel, um diesen Kreislauf zu durchbrechen — keinen neuen Trainer, der das Vorhandene optimiert, sondern jemanden, der alles neu denkt. Und dieser Wechsel kam in Form eines deutschen Trainers mit einer klaren Vision.
Die Rangnick-Wende — Wie Österreich zurückkam
Als Ralf Rangnick im April 2022 als ÖFB-Teamchef vorgestellt wurde, war die Reaktion gemischt. Ein deutscher Trainer für die österreichische Nationalmannschaft — das war für viele Fans gewöhnungsbedürftig. Rangnick kam mit einer klaren Philosophie: Gegenpressing, vertikales Spiel, intensive Laufarbeit. Ein System, das er bei RB Leipzig, bei Hoffenheim und kurzzeitig bei Manchester United verfeinert hatte. Die Frage war: Kann ein Taktikbesessener aus dem Klubfußball eine Nationalmannschaft transformieren?
Die Antwort kam schneller als erwartet. Rangnick formte aus einer talentierten, aber richtungslosen Mannschaft ein Team mit klarer Identität. Marcel Sabitzer als Box-to-Box-Spieler, Konrad Laimer als Pressingmaschine, Christoph Baumgartner als flexible Offensivkraft — Spieler, die in der Bundesliga und Champions League bei Topklubs spielen, fanden unter Rangnick ihre Rollen im Nationalteam. Die Pressinglinie des ÖFB-Teams ist eine der höchsten im europäischen Fußball — Rangnick verlangt, dass seine Spieler den Gegner bereits in dessen Hälfte unter Druck setzen, ein Konzept, das in der Qualifikation Mannschaft um Mannschaft überforderte.
Die Qualifikation für die WM 2026 war der Beweis. Österreich gewann Gruppe H als Erster — vor Bosnien und Herzegowina, Rumänien, Zypern und San Marino. Acht Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage in den entscheidenden Spielen. Die Qualifikation wurde nicht nur geschafft, sondern souverän geschafft. Zum ersten Mal seit 1998 steht Österreich bei einer WM, und zum ersten Mal überhaupt qualifizierte sich die Mannschaft als Gruppensieger einer UEFA-Qualifikationsgruppe. Die Mannschaft hat dabei nicht nur Ergebnisse geliefert, sondern auch Spielweise gezeigt — ein aggressiver, moderner Fußball, der in der Qualifikation Gegner regelmäßig überforderte und Respekt in ganz Europa einbrachte. Rangnick hat bewiesen, dass sein System nicht nur im Klubfußball funktioniert, sondern auch auf Nationalmannschaftsebene eine Mannschaft transformieren kann.
Jetzt steht Gruppe J mit Argentinien, Algerien und Jordanien bevor. 72 Jahre nach dem dritten Platz 1954, 48 Jahre nach Córdoba, 28 Jahre nach dem letzten WM-Spiel. Die Geschichte des österreichischen Fußballs ist keine Geschichte durchgehender Erfolge, sondern eine Geschichte von Momenten — von Spielen, die eine Nation vereinten, von Siegen, die größer waren als das Turnierergebnis. Am 17. Juni 2026 um 06:00 Uhr CEST beginnt das nächste Kapitel dieser Geschichte im Levi’s Stadium in Santa Clara. Österreich gegen Jordanien — das erste WM-Spiel seit 28 Jahren. Für eine ganze Generation das erste WM-Spiel überhaupt. Wer die aktuelle Mannschaft im Detail analysiert haben will, findet alles in meiner Österreich-Einschätzung für die WM 2026.