Argentinien WM 2026 — Titelverteidiger im Experten-Check

Argentinien als Titelverteidiger bei der WM 2026 — Kader und Chancenanalyse

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Drei Jahre nach dem magischen Abend in Lusail steht Argentinien vor einer Frage, die jeden Titelverteidiger irgendwann einholt: Was kommt nach dem größten Triumph? In Katar 2022 war es die perfekte Geschichte — Lionel Messi, der letzte Tanz, die Krönung einer Karriere. Doch Messi ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, und mit ihm ging nicht nur der beste Spieler einer Generation, sondern auch das emotionale Gravitationszentrum dieser Mannschaft. Ich habe in neun Jahren als Wettanalyst gelernt, dass Titelverteidigungen im Fußball zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt gehören. Seit 1962 hat kein einziges Team den WM-Titel erfolgreich verteidigt. Brasilien scheiterte 2006 im Viertelfinale, Spanien 2014 in der Vorrunde, Deutschland 2018 ebenfalls. Die Geschichte spricht gegen Argentinien, aber diese Mannschaft hat schon oft bewiesen, dass sie sich nicht um Statistiken schert.

Argentinien bei der WM 2026 tritt mit einem veränderten Kader, einem neuen Selbstverständnis und der Last der Erwartungen an — und genau das macht die Analyse so reizvoll. Die Quoten sprechen eine klare Sprache: Argentinien liegt bei den meisten Anbietern zwischen 6.00 und 8.00 für den Turniersieg, hinter Frankreich und England, aber vor Spanien und Brasilien. Ob diese Einschätzung gerechtfertigt ist, werde ich in den folgenden Abschnitten zerlegen. Eines vorweg: Mein Rating für Argentinien als Titelkandidat liegt bei 8 von 10 Punkten — hoch, aber mit deutlichen Fragezeichen.

Qualifikation und Kader — Was sich seit Katar verändert hat

Wer denkt, Argentinien hätte nach dem WM-Triumph eine ruhige Zeit gehabt, irrt. Die südamerikanische Qualifikation ist traditionell die härteste der Welt — zehn Teams spielen in einer einzigen Gruppe jeder gegen jeden, Hin- und Rückspiel, über zwei Jahre verteilt. In den 18 Spieltagen der CONMEBOL-Qualifikation schloss Argentinien auf dem zweiten Platz ab, hinter Brasilien, mit 36 Punkten aus 18 Spielen. Das klingt souverän, aber es gab Stolperer: zwei Niederlagen gegen Kolumbien und Uruguay, ein überraschendes Unentschieden gegen Paraguay. Die Unbesiegbarkeit der Katar-Ära ist Geschichte. Was die Qualifikation aber auch gezeigt hat: Argentinien verliert Spiele, gerät unter Druck, und kommt trotzdem zurück. Nach der Niederlage in Bogotá gegen Kolumbien gewann das Team die nächsten vier Spiele — eine Reaktionsfähigkeit, die Turniermannschaften von Mitläufern unterscheidet.

Der Kader hat sich in den vergangenen drei Jahren erheblich verändert. Messi ist weg, und mit ihm die automatische Kreativlösung für jede taktische Sackgasse. Ángel Di María hat ebenfalls seinen Rücktritt erklärt. Nicolás Otamendi, der in Katar die Abwehr zusammenhielt, ist mit 38 Jahren nicht mehr turniertauglich. Was bleibt, ist trotzdem beeindruckend: Enzo Fernández hat sich bei Chelsea zum Weltklasse-Sechser entwickelt, Julián Álvarez ist nach seinem Wechsel von Manchester City zu Atlético Madrid der unangefochtene Stürmer Nummer eins, und Alexis Mac Allister bildet zusammen mit Fernández ein zentrales Mittelfeldduo, das es in Sachen Qualität und Eingespielheit mit jedem anderen Paar auf diesem Turnier aufnehmen kann.

Trainer Lionel Scaloni hat den Übergang überraschend geschmeidig gestaltet. Statt einer radikalen Umstellung hat er schrittweise neue Spieler integriert und die Grundstruktur beibehalten. Das 4-3-3, das in Katar so erfolgreich war, ist geblieben, aber die Interpretation hat sich verschoben. Ohne Messi als freien Zehner spielt Argentinien direkter, vertikaler und mit mehr Fokus auf die Flügel. Nahuel Molina auf rechts und der junge Valentín Barco auf links sorgen für Breite, während im Sturm neben Álvarez Spieler wie Lautaro Martínez und der aufstrebende Alejandro Garnacho um Einsatzzeit kämpfen.

Was Scaloni von anderen Trainern unterscheidet: Er hat kein Ego-Problem. Als nach der Copa América 2024 klar wurde, dass Messis Abschied bevorstand, begann Scaloni sofort mit der Integration neuer Spieler — nicht erst nach dem offiziellen Rücktritt, sondern vorausschauend. In Testspielen gegen Mexiko und Kolumbien Anfang 2025 ließ er Formationen ohne Messi spielen, auch wenn dieser noch verfügbar war. Das war ein strategischer Schachzug, der Argentinien einen Vorsprung von sechs Monaten gegenüber dem Moment verschaffte, in dem Messi tatsächlich ging. Kein anderer Nationaltrainer hätte diese Entscheidung getroffen, und genau das macht Scaloni zu einem der unterschätzten Trainer dieses Turniers.

Die Defensive bleibt Argentiniens stärkstes Puzzlestück. Cristian Romero von Tottenham und Lisandro Martínez von Manchester United bilden ein Innenverteidiger-Duo, das physisch und taktisch zu den besten der Welt gehört. Romero bringt eine Aggressivität in die Zweikämpfe, die Stürmer aus dem Rhythmus bringt, während Martínez trotz seiner für einen Innenverteidiger unterdurchschnittlichen Körpergröße durch Antizipation und Positionierung kompensiert. Im Tor steht Emiliano Martínez, der Elfmeterkiller, der in Katar zum Helden wurde — sein psychologischer Vorteil bei Elfmeterschießen ist ein Faktor, den kein statistisches Modell vollständig abbilden kann. In der südamerikanischen Qualifikation kassierte Argentinien nur 14 Gegentore in 18 Spielen — der zweitbeste Wert hinter Brasilien.

Scaloni hat außerdem die Kaderbreite verbessert. Spieler wie Thiago Almada von Lyon, Nicolás González von Juventus und der explosive Alejandro Garnacho von Manchester United geben ihm Optionen, die über Messis Ära hinausreichen. Die Bank ist besser besetzt als 2022, was in einem Turnier mit potenziell sieben Spielen in vier Wochen ein entscheidender Faktor ist. Insgesamt vergab ich dem Kader 8 von 10 Punkten: Die individuelle Qualität ist nach wie vor erstklassig, aber die fehlende Messi-Magie kostet einen halben Punkt, und die Ungewissheit über die optimale Angriffsformation einen weiteren halben.

Schlüsselspieler — Wer übernimmt Messis Rolle?

Lassen wir die romantische Frage beiseite, ob irgendjemand Messi „ersetzen“ kann — natürlich nicht. Die relevantere Frage lautet: Wer übernimmt die Funktionen, die Messi im argentinischen Spiel erfüllt hat? Und die Antwort ist: nicht ein Spieler, sondern drei.

Julián Álvarez hat sich in den letzten zwei Jahren vom talentierten Ergänzungsspieler zum Führungsstürmer entwickelt. Bei Atlético Madrid spielt er unter Diego Simeone einen anderen Fußball als in der Nationalmannschaft, aber seine Vielseitigkeit ist sein größtes Kapital. Álvarez kann als klassische Neun spielen, sich ins Mittelfeld fallen lassen, auf die Flügel ausweichen oder als hängende Spitze agieren. In der Qualifikation erzielte er 9 Tore in 16 Spielen — die beste Quote eines argentinischen Stürmers seit Gonzalo Higuaín in der Blütezeit. Seine Bewegungen ohne Ball sind auf Weltniveau, und seine Fähigkeit, in den entscheidenden Momenten die richtige Entscheidung zu treffen, erinnert — ja, ich sage es — an den jungen Messi. Was Álvarez besonders gefährlich macht: Er erzielt Tore auf verschiedene Arten. Kopfball, Fernschuss, Abstauber, Solo — es gibt kein vorhersehbares Muster, auf das sich Verteidiger einstellen können. Mein Rating: 9 von 10.

Enzo Fernández ist das Metronom. Seit seinem Wechsel zu Chelsea hat er sich trotz der chaotischen Vereinsverhältnisse als einer der besten Sechser der Welt etabliert. Seine Passqualität, sein Raumgefühl und seine Fähigkeit, das Tempo eines Spiels zu diktieren, geben Argentinien die Kontrolle im Mittelfeld. Was ihn für die WM besonders wertvoll macht: Fernández spielt gleich gut unter Druck und mit Raum, im Ballbesitzspiel und im Umschalten. Er ist erst 25 und bringt bereits die Erfahrung eines WM-Sieges mit — eine Kombination, die nur wenige Spieler auf diesem Turnier vorweisen können. In der Qualifikation hatte Fernández eine Passquote von 91 % und führte das Team in Balleroberungen im Mittelfelddrittel an. Zahlen, die seine Dominanz in zwei Phasen des Spiels belegen.

Alexis Mac Allister, der dritte im Bunde, hat sich bei Liverpool unter Arne Slot zu einem der komplettesten Mittelfeldspieler der Premier League entwickelt. Seine Rolle in der Nationalmannschaft ist die des Verbinders zwischen Mittelfeld und Angriff — er besetzt die Räume, die Messi früher bewohnte, wenn auch mit einem völlig anderen Spielerprofil. Mac Allister ist kein Dribbler, sondern ein Raumdeuter, der durch intelligente Positionierung und sauberes Passspiel Überzahlsituationen schafft. In der Premier-League-Saison 2025/26 hat er seine Scorerstatistik deutlich verbessert, was auf ein gewachsenes Selbstvertrauen im letzten Drittel hindeutet — genau das, was Argentinien bei der WM brauchen wird.

Die Schwachstelle des Kaders liegt auf den Außenverteidiger-Positionen. Nahuel Molina ist offensiv stark, aber defensiv anfällig gegen schnelle Flügelspieler. Auf der linken Seite fehlt ein etablierter Spieler — Valentín Barco ist erst 21 und hat auf höchstem Klubniveau noch keine volle Saison durchgespielt. Gegen Teams mit starken Außenbahnspielern — England, Frankreich, Brasilien — könnte das zum Problem werden. In der Qualifikation entstanden drei der fünf kassierten Gegentore über die linke Abwehrseite, ein Muster, das aufmerksame Gegner ausnutzen werden.

Abseits der offensichtlichen Namen verdient Rodrigo De Paul eine Erwähnung. Der Atlético-Madrid-Spieler ist der emotionale Leader dieser Mannschaft, derjenige, der im Tunnel die Mitspieler motiviert und auf dem Platz die Intensität vorgibt. De Paul ist kein Spieler, der Schlagzeilen macht, aber ohne ihn verliert Argentinien einen entscheidenden Charakter. In der Qualifikation stand er in 16 der 18 Spiele in der Startelf — Scaloni vertraut ihm blind, und dieses Vertrauen ist gerechtfertigt. Seine Fähigkeit, taktisch zwischen einem tieferen Sechser und einem höheren Achter zu wechseln, gibt Scaloni die Formation-Flexibilität, die ohne Messi umso wichtiger geworden ist.

Lautaro Martínez von Inter Mailand komplettiert die Angriffsoptionen. Als Backup-Stürmer hinter Álvarez ist er wohl der teuerste Einwechselspieler des gesamten Turniers. Seine Torgefahr im Strafraum ist in den letzten drei Saisons in der Serie A konstant geblieben, und er bringt eine Aggressivität mit, die von der Bank aus eine Partie kippen kann. Die Kombination Álvarez-Lautaro, die Scaloni gegen müde Gegner in der letzten halben Stunde bringen wird, ist eine der gefährlichsten Doppelspitzen im Weltfußball. Kein anderes Team hat auf der Stürmerposition eine vergleichbare Tiefe — und das ist Argentiniens größter Luxus bei dieser WM.

Gruppe J — Klarer Favorit, aber kein Selbstläufer

Ich erinnere mich an die WM 2022, als Argentinien in der Gruppenphase gegen Saudi-Arabien verlor. Wer nach dieser Erfahrung noch glaubt, dass Argentinien eine Gruppe locker durchmarschiert, hat nichts gelernt. Gruppe J mit Algerien, Österreich und Jordanien sieht auf dem Papier machbar aus, birgt aber Stolperfallen. Das Format mit drei Gruppenspielen in zehn Tagen auf verschiedenen Spielorten in den USA erfordert logistisches und physisches Management, das nicht zu unterschätzen ist.

Algerien ist eine physisch und technisch starke Mannschaft, die in der afrikanischen Qualifikation dominant aufgetreten ist. Die Algerier bringen eine Athletik mit, die im europäischen Klubfußball ihresgleichen sucht — viele ihrer Leistungsträger spielen in der Ligue 1 und kennen den physischen Fußball aus dem Effeff. Im direkten Duell wird Algerien Argentinien nicht kampflos den Sieg überlassen — aggressive Pressing-Phasen, schnelles Umschalten und die Hitze in Kansas City können ein unangenehmes Szenario schaffen.

Österreich unter Ralf Rangnick ist keine Laufkundschaft: Das Pressing-System des deutschen Trainers ist genau darauf ausgelegt, Favoriten wie Argentinien Fehler aufzuzwingen. Bei der EM 2024 hat Österreich bereits gezeigt, dass es gegen Top-Nationen mithalten kann — der Sieg gegen die Niederlande war keine Eintagsfliege. Das Spiel am 22. Juni in Arlington wird für Österreich das Highlight des Turniers und entsprechend motiviert werden sie auftreten. Jordanien ist der klare Außenseiter, aber die Erfahrung aus dem Asien-Cup-Finale 2024 gibt dem Team ein Selbstvertrauen, das über dem liegt, was man von einem WM-Debütanten erwarten würde.

Mein Szenario für Argentinien in Gruppe J: 7 Punkte aus drei Spielen, Gruppenplatz eins. Zwei Siege und ein Unentschieden — vermutlich gegen Österreich, wo Rangnicks Pressing Argentinien einen Punkt abringen könnte. Das taktische Duell zwischen Scalonis Ballbesitzfußball und Rangnicks Gegenpressing wird das interessanteste der Gruppenphase. Scaloni wird darauf setzen, das Pressing mit langen Bällen auf Álvarez zu überspielen und über die Flügel nach vorn zu kommen. Rangnick wird die Passwege ins Zentrum verstopfen und auf Ballgewinne in der Mittelfeldzone lauern.

Die Quote für Argentinien als Gruppensieger liegt bei 1.40 bis 1.50, was ich für fair halte. Echten Value sehe ich hier nicht — die Gruppe ist zu erwartbar, um aus den Gruppenquoten Profit zu schlagen. Interessanter ist die Wette auf „Argentinien gewinnt alle drei Gruppenspiele“ mit einer Quote um 3.00 — dafür müsste Scalonis Team auch Österreich und Algerien schlagen, was ich für unwahrscheinlicher halte als der Markt suggeriert. Meine implizite Wahrscheinlichkeit dafür: 25 %, die faire Quote wäre 4.00. Der Markt preist Argentiniens Dominanz in der Gruppe zu hoch ein.

Quoten und Titelchance — Mein Rating

Argentiniens Titelquote von 6.00 bis 8.00 reflektiert den Status als einer von vier oder fünf realistischen Titelanwärtern. Um zu verstehen, ob das Value bietet, muss man die implizite Wahrscheinlichkeit berechnen: Eine Quote von 7.00 impliziert eine Gewinnwahrscheinlichkeit von etwa 14 %. Meine eigene Einschätzung liegt bei 12–15 %, also nahe am Markt. Das bedeutet: kein klarer Value, aber auch keine Überbewertung. Zum Vergleich: Frankreich steht bei 5.00 bis 6.00 (implizite 17–20 %), was ich für eine leichte Überbewertung der Franzosen halte. Der Abstand zwischen Argentinien und Frankreich in den Quoten ist größer als der tatsächliche Qualitätsunterschied auf dem Platz.

Wo ich Value sehe: Julián Álvarez als Torschützenkönig. Seine Quote liegt bei den meisten Anbietern zwischen 12.00 und 15.00, hinter Kylian Mbappé und Erling Haaland. Aber Álvarez hat einen strukturellen Vorteil: Argentinien wird im Turnier wahrscheinlich mehr Spiele bestreiten als Norwegen (Haaland), und als alleinige Sturmspitze bekommt Álvarez mehr Torchancen als Mbappé, der sich die Abschlüsse mit anderen teilen muss. In einem Turnier mit 104 Spielen und potenziell sieben argentinischen Partien (bis zum Finale) hat Álvarez die Plattform für 5–7 Tore — genug für den Goldenen Schuh. Mein Torschützenkönig-Rating für Álvarez: 7 von 10.

Ein weiterer interessanter Markt: „Argentinien scheidet in der K.o.-Runde aus“. Bei einer Quote von 2.00 bis 2.20 bietet diese Wette Value, wenn man bedenkt, dass Titelverteidigungen historisch scheitern. Seit 1962 ist jeder Titelverteidiger entweder in der Vorrunde oder spätestens im Viertelfinale ausgeschieden. Diese historische Statistik allein reicht nicht für eine Wette, aber in Kombination mit den Kaderveränderungen und dem Reisestress eines Turniers in Nordamerika ergibt sich ein Risikoprofil, das der Markt zu wenig einpreist. Für Over/Under-Wetten in den Gruppenspielen ist Argentinien interessant: In der Qualifikation endeten 11 der 18 Spiele mit Under 2.5 Toren, was auf ein taktisch diszipliniertes Team hindeutet, das lieber 1:0 gewinnt als 3:2.

Mein Gesamtrating für Argentinien bei der WM 2026: 8 von 10 Punkten. Die Mannschaft gehört zu den drei stärksten des Turniers, der Kader ist auch ohne Messi erstklassig besetzt, und Scaloni hat bewiesen, dass er ein Turnier gewinnen kann. Die Fragezeichen — Messi-Lücke, Außenverteidiger-Schwäche, historische Titelverteidiger-Statistik — reichen nicht, um Argentinien aus dem Kreis der Topfavoriten auszuschließen. Aber sie reichen, um den Titel nicht als selbstverständlich anzusehen.

Meine Prognose — Wie weit kommt Argentinien?

Turnierprognosen sind das Undankbarste, was ein Analyst tun kann. Aber genau dafür bin ich da, also: Ich sehe Argentinien im Halbfinale. Der Weg dorthin führt über einen vermutlich machbaren Gegner in der Runde der 32, dann möglicherweise über England oder Brasilien im Viertelfinale. Genau dort — in einem einzigen K.o.-Spiel gegen eine andere Topnation — entscheidet sich, ob diese Mannschaft auch ohne Messi über sich hinauswachsen kann.

Argentiniens größter Vorteil ist die Siegermentalität. Spieler wie Fernández, Mac Allister, Álvarez und Emiliano Martínez wissen, wie sich ein WM-Finale anfühlt. Dieses Wissen, dieses Vertrauen in die eigene Fähigkeit, unter extremem Druck zu bestehen, ist auf keinem Transfermarkt der Welt zu kaufen. Die Copa América 2024, die Argentinien ebenfalls gewann, hat dieses Selbstverständnis nur verstärkt — drei Titel in Folge (WM, Finalissima, Copa) schufen eine Gewinnerkultur, die in der argentinischen Fußballgeschichte ihresgleichen sucht. In engen Spielen, wenn es in der Verlängerung steht und das Elfmeterschießen droht, wird diese Mannschaft nicht nervös. Emiliano Martínez im Tor ist bei Elfmetern ein psychologischer Vorteil, der in keinem xG-Modell auftaucht, aber auf dem Platz Spiele entscheidet.

Die Frage ist, ob es reicht, wenn der Mann, der in Katar den Unterschied gemacht hat, nicht mehr auf dem Platz steht. Meine Antwort: für das Halbfinale ja, für den Titel bin ich skeptisch. Was Argentinien in den K.o.-Spielen fehlen wird, ist der Moment der individuellen Brillanz, wenn nichts mehr funktioniert und ein einzelner Spieler das Unmögliche schafft. Messi konnte das — der Slalom durch die kroatische Abwehr im Halbfinale 2022, der Pass auf Molina im selben Spiel. Álvarez und Fernández sind fantastische Spieler, aber sie sind keine Ein-Mann-Armee. Was sie mitbringen, ist kollektive Stärke, und die kann ein Turnier gewinnen — aber sie muss perfekt zusammenspielen, an jedem einzelnen Turniertag.

Ein Faktor, den viele Analysten übersehen: die Reiselogistik. Argentiniens Gruppenspiele finden in drei verschiedenen Städten statt, potenziell gefolgt von Spielen an der Ost- und Westküste der USA. Die Zeitumstellung gegenüber Buenos Aires beträgt je nach Spielort ein bis vier Stunden — wenig im Vergleich zu europäischen Teams, aber die Flugstrecken innerhalb der USA sind enorm. Von Kansas City nach einer möglichen Achtelfinal-Stadt wie Philadelphia sind es über 1.800 Kilometer. Für ein Team, das intensive Pressing-Phasen spielt, ist die Erholungszeit zwischen den Spielen kritisch.

Argentinien verliert im Halbfinale gegen Frankreich oder Spanien — das ist mein Tipp, und ich halte daran fest, auch wenn mir jeder argentinische Fan dafür böse sein wird. Die Mannschaft hat genug Qualität, um das Halbfinale zu erreichen, aber nicht genug, um dort den letzten Schritt zu gehen. Für die österreichische Perspektive auf die Gruppe mit Argentinien empfehle ich meine detaillierte Analyse der Gruppe J.

Spielt Messi bei der WM 2026 für Argentinien?
Nein. Lionel Messi hat nach der Copa América 2025 seinen Rücktritt aus der argentinischen Nationalmannschaft erklärt. Die WM 2026 findet ohne den siebenmaligen Ballon-d"Or-Gewinner statt. Argentinien tritt mit einer neuen Generation an, angeführt von Julián Álvarez, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister.
In welcher Gruppe spielt Argentinien bei der WM 2026?
Argentinien ist in Gruppe J gesetzt und trifft auf Algerien, Österreich und Jordanien. Als Topfavorit der Gruppe wird ein souveräner Gruppensieg erwartet. Das Spiel gegen Österreich am 22. Juni (19:00 CEST) im AT&T Stadium in Arlington/Dallas ist das Highlight der Gruppe.
Wie hoch ist Argentiniens Titelquote bei der WM 2026?
Die Titelquote für Argentinien liegt bei den meisten Anbietern zwischen 6.00 und 8.00, was einer impliziten Wahrscheinlichkeit von 12–17 % entspricht. Damit ist Argentinien einer der Topfavoriten, rangiert aber hinter Frankreich und knapp hinter England. Mein persönliches Rating: 8 von 10 Punkten als Titelkandidat.

Verantwortungsvolles Spielen

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